Zurück in der Zivilisation

Fahrt durch British Columbia: Kleines Kulturprogramm, Farmland, Pferde und zurück in die Berge.

Nach zwei Tagen Wildlife-Viewing und Gletscher bestaunen in Stewart/Hyder brechen wir beim küstentypischen Wolken-Regen-Wetter wieder auf. Wir ziehen so viel übereinander an wie noch nie zuvor, da es mit 8 Grad auch nicht gerade warm ist. Kein Tag in Alaska war so kalt…brrrr. Nach vier Stunden Kilometer fressen und frieren und einigen kurzen Begegnungen mit Schwarzbären am Wegesrand, beschließen wir, dass wir genug für heute haben und kehren in New Hazelton in ein Motel ein. Hier wollen wir tags drauf in Old Hazelton K’san besuchen, ein gut erhaltenes Indianerdorf. Die Indianer dieser Gegend hatten so gute Bedingung mit mehreren lachsreichen Flüssen, dass sie sesshaft waren und große Holz-Langhäuser gebaut haben. Außerdem lagen sie mit ihrer Siedlung so abseits von Handelsrouten und ähnlichem, dass sie sich erst sehr spät mit Siedlern auseinander setzen mussten. So konnte ihre Kultur gut bewahrt werden. Am nächsten Tag ist es immer noch kühl und wolkig, aber ohne Niederschlag und so können wir trockenen Reifens unseren Kulturausflug starten.


Eingang ins Dorf
Indianerdorf mit Totem Poles
Langhaus

Auf dem Weg zum Indianerdorf und einigen Totem Poles in der umliegenden Gegend fahren wir auch wieder über  eine der „echten Motorrad – Challenges“: ich nenne es die Metall-Gitter-Rüttel-Brücke. Viele Brücken im Yukon und Northern BC haben keinen massiven Straßenbelag sondern lediglich ein Metallgitter als Untergrund. Das heißt, du kannst beim Fahren runter in den Canyon und direkt ins grünblaue Wasser gucken. Das sieht zwar klasse aus, ist aber gefährlich, weil die Längsrillen des Metallgitters dafür sorgen, dass Du immer wieder ins Trudeln kommst. Da helfen auch die vermutlich lieb gemeinten Warnschilder für Mopedfahrer nichts.


Brücke nach K'san
Blick durch die Brücke
Achtung Rüttelstrecke

Markt in Prince George

Nach the Hazeltons (so werden die Siedlungen rund um das alte Indianerdorf zusammengefasst) machen wir uns weiter auf gen Osten und durch Northern BC. In der Hauptstadt Prince George machen wir Mittagsrast und beschließen, wie schon das ein oder andere Mal zuvor in „großen“ Städten Kanadas, dass es viel zu voll und hektisch ist, um hier einen längeren Aufenthalt zu verbringen. Mit ca. 80000 Einwohnern ist Prince George aber auch die größte Menschenansammlung seit Anchorage. Wir haben das Gefühl, dass wir uns schnell an die Weite, den enormen Platz und die Wildnis gewöhnt haben und jetzt eine Art „Zivilisationschock“ erleiden. Vermutlich gewöhnt man sich auch schnell zurück, aber man vermisst irgendwie die Ruhe…

Wir fahren also weiter und finden 50 km hinter Prince George einen wunderschönen Campingplatz „Stone Creek“ direkt am Fraser River. Wir wundern uns noch, dass der Rasen auf den Plätzen gemäht ist, ein einmaliger Anblick, und stellen dann fest, dass der Campingplatz-Chef Gerry ein Deutscher ist. Das erklärt natürlich den Rasen :-). Der Platz ist mit viel Liebe zum Detail hergerichtet und sehr gepflegt. Auf die Frage, ob wir unsere Motorräder auf den Parkplatz stellen sollen, antwortet Gerry alias Gerhard „so deutsch sind wir nun auch wieder nicht, lasst sie an eurem Zelt stehen“. Gerry aus Salzgitter ist 1961 als junger Bergmann ausgewandert und hat in verschiedenen Minen in Kanada gearbeitet. Den Campingplatz macht er sozusagen zur Rentenaufbessserung. Er schien erfreut, mal wieder auf deutsch quatschen zu können und hat uns Anekdoten aus dem Leben in Kanada erzählt. Z.B. von peinlichen deutschen Touristen, die sich nackt ausgezogen und mit Bärenspray eingerieben haben und dann meinten, sie könnten sich mitten unter fischende Grizzlies stellen und fotografieren. Gott sei dank sind Ranger dazwischen gegangen und Gerry hat sich für eine gewisse Zeit als Pole ausgegeben. Viele Grüße an Gerry, falls er das hier liest… 🙂


Stone Creek Campground
perfektes Lagerfeuer
Gerry
Gerrys Schnitzkunst - ein Abschiedsgeschenk

Wir brechen wieder auf und die Landschaft wird flacher und ist geprägt durch Seen, Teiche, Flüsse und etliche Farmen. Dort gibt es v.a. Rinder und Pferde. Hauptsächlich Western Pferde aber auch unseren guten alten deutsch-österreichischen Haflinger und das norwegische Fjordpferd konnte ich ein paarmal sichten. Ein absolutes Pferdeland, was weiter im Süden in den abgelegeneren Gegenden in den Coast Mountains sogar so weit geht, dass die Pferde mehr oder minder frei laufen und lediglich mit Warnschildern darauf hingewiesen wird, dass Pferde die Fahrbahn überqueren. Etliche Pferdeäpfel auf dem Highway belegen, dass die Warnung gerechtfertigt ist.


See mit Biberbau
Farmland in BC
Lone Pine Ranch
BC Horses
Pferde am See
Achtung Horses X-ing

Uns gefällt es in den Bergen wieder sehr viel besser, v.a. weil der Highway wieder wenig befahren ist. Es ist kein Problem, einfach anzuhalten, Fotos zu machen und über den Highway zu laufen. Das geht in den dichter besiedelten und befahrenen Gegenden natürlich leider nicht. Die Straße in den Coast Mountains bietet außerdem tolle Ausblicke auf den Fraser Canyon und ist auch kurventechnisch anspruchsvoller. Marco muss sich zügeln, sich einigermaßen an die sehr vorsichtigen Geschwindigkeitsvorgaben der Kanadier zu halten. Ich bin ganz froh darum, weil ich feststellen muss, dass ich nach 4000 Meilen auf der KLR immer noch nicht weiß, wie sie in Kurven zu fahren ist, da es bisher keine ernst zu nehmende Kurve gab. Jetzt weiß ich mehr. Man muss dieses Motorrad in die Kurve/Kehre zwingen, ansonsten fährt sie mit aller Gewalt geradeaus, was sie ja auch am besten kann. Geradeaus und möglichst mit odentlich Tempo über schlechte Straßen und Schlaglöcher, da ist sie bequem und perfekt. Für Kurven à la Alpen m.E. nicht zu empfehlen. Ein Motorrad wie gemacht für offroad Amerika eben!


es wird bergiger
Fraser Canyon
Fraser Canyon
Haus im See
See am Hwy 99
Treibholz im See

Nach beeindruckendem Panorama-Ausblicken und ein sehr schönen Fahrt kehren wir für einen Fahrt-Pausen-Tag in einem schönen Hotel mitten in Whistler ein, dem Touri-Ski-Mountainbike-Ort Kanadas. Marco will den riesigen Moutainbike-Park erkunden und gafft neidisch den Jungs und Mädels mit Downhill-Spezial-Maschinen hinterher, die uns entgegen kommen. Leider ist dann aber heute das Wetter schlecht und das Leihen der gesamten Ausrüstung ist derart teuer, dass er sich nach einigem Hin und Her dagegen entscheidet und mir beim Bummeln hinterher dackelt, bis ich ihn zum Frisör schicke – dringend nötig nach 4 Wochen ohne Langhaarschneider ;-). Natürlich adrenalinmäßig keine echte Alternative zum Mountainbiken, aber vermutlich deutlich vernünftiger, weil die Verletzungsgefahr bei einem so verlockenden Gelände und einem relativ untrainierten Adrenalinjunkie wie Marco bestimmt besonders hoch ist. Die Menge der Physiotherapeuten und Masseure hier spricht ebenfalls Bände. Hier ist es nett und man kann ne Menge unternehmen, aber es bleibt dabei, Wildnis und Abgeschiedenheit ist was anderes. So freuen wir uns drauf, morgen nach Vancouver Island weiter zu fahren…

2 Gedanken zu „Zurück in der Zivilisation“

  1. Hallo ihr zwei,

    habe gerade euren tollen Bericht gelesen. Bekomme richtig Lust darauf, mir das alles auch mal anzuschauen. Vielen lieben dank für die Karte, sie ist gestern angekommen.
    Liebe Grüße an euch beide und ein dickes Bussi an Julia….

    Kerstin

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